
Titelthema: Nachhaltig
leben
Keine Zeit für die Zukunft?
von Isabelle Steinmill
Der EU-Klimawandeldienst Copernicus
dokumentierte für das Jahr 2024
eine bislang beispiellose mittlere globale
Erderwärmung von 1,6°C. Das
im Pariser Abkommen festgelegte
Ziel, möglichst den Anstieg der globalen
Durchschnittstemperatur auf
eineinhalb Grad zu begrenzen, wurde
damit bereits gerissen. Je mehr
man sich mit dem Klimawandel beschäftigt,
desto deprimierender erscheint
der Blick in die Zukunft. Es
gibt nichts zu relativieren, keinen
Grund anzunehmen, dass es weniger
schlimm wird oder dass technologische
Errungenschaften uns retten
würden. Trotzdem tun wir zu wenig.
Woran liegt das?
Die Forschung über die Veränderungen
des Klimas sei, so Dr. Hans-Stefan Bauer,
Meteorologe an der Uni Hohenheim,
zeitweise schon sehr deprimierend, weil
die wissenschaftlichen Erkenntnisse seit
Die Vernachlässigung des Klimawandels
Jahrzehnten weder von politischen Akteuren
noch von der Bevölkerung ernst genug
genommen werden, trotz alarmierender
Prognosen. Extremwetterereignisse würden
in der Zukunft noch zunehmen. Künftige
Generationen hätten deutlich mehr
mit dem Klimawandel zu kämpfen.
„Was ich an der Wetterstation hier beobachte,
ist, dass die letzten drei Jahre auch
hier in der Region die drei wärmsten Jahre
seit Beginn der Wetteraufzeichnung waren.
Wir messen in Hohenheim seit 1878.
Im Vergleich dazu ist die Jahresmitteltemperatur
um rund drei Grad auf 11,6 Grad
gestiegen. Hier beträgt die Erderwärmung
also deutlich mehr als 1,6 Grad“, erklärt
Bauer. „Je jünger die Leute sind, desto
mehr werden sie davon spüren. Es gibt regionale
Klimavorhersagen. Momentan haben
wir etwa dreißig Tage mit Hitzebelastung in
Stuttgart (also Tage, an denen die Temperatur
über dreißig Grad liegt) und bis zum
Ende des Jahrhunderts wird sich diese Zahl
verdoppeln.“
Eigentlich sollten wir kein weiteres
Gramm CO² in die Atmosphäre blasen.
Dieselbe habe ein langes Gedächtnis und
selbst bei sofortigem Handeln würde es
Jahrzehnte dauern, bis die global gemittelte
Temperatur wieder abnimmt.
Sven Plöger, Meteorologe, Fernsehmoderator
und Autor geht in seinem aktuellen
Buch „Zieht euch warm an, es wird noch
heißer! Können wir den Klimawandel noch
beherrschen?“ beiläufig auf Klimawandel-
Leugner Trump ein, der schon vor mehreren
Jahren seinen Golfplatz in Irland durch
einen Schutzwall gegen den drohenden Anstieg
des Meeresspiegels hat absichern lassen.
Auch er glaubt also insgeheim an die
Erkenntnisse der Wissenschaft. Erstaunlich
ist, dass wir auf die Wettervorhersage
vertrauen und bei vorausgesagtem Regen
einen Schirm mitnehmen. Klimamodelle
hingegen nehmen wir zu wenig ernst.
Wahrscheinlich liegt das daran, dass es mit
dem Schirm nicht getan ist. Wir sollten uns
bewusst machen, dass eine klimaschonende
Lebensweise nicht nur Entbehrung, sondern
auch Vorzüge bringen könnte. Denken
wir an grüne Innenstädte mit Lebensqualität
und weniger Autoverkehr.
Klimamodelle -
Was kommt auf uns zu?
© pixabay/dmncwndrlch
Meteorologe und Fernsehmoderator Özden
Terli reflektiert in einem Vortrag
für die Heinrich-Böll-Stiftung über Wetterextreme
in 2024, nämlich über drei
Jahrhundertereignisse aus dem vergangenen
Jahr. In Spanien sei die Regenmenge
eines Jahres in weniger als zwölf
Stunden gefallen. In Griechenland sei es
zur „Megakatastrophe“ gekommen. Die
prognostizierten Regenmengen dort, die
übrigens Wirklichkeit wurden, seien so
hoch gewesen, dass man den Prognosen
unter Meteorologen gar nicht getraut
habe.
Auch in Norddeutschland sei es zu
tragischen Überschwemmungen gekommen.
Terli tritt auch in „Maithink X“
zum Thema Kipppunkte auf, in der Wissenschaftsjournalistin,
Chemikerin und
Autorin Mai Thi Nguyen-Kim unterhaltsam
und informativ in knapp dreißig
Minuten darüber aufklärt, wie wir gerade
dabei sind, das Klima irreversibel zu
verändern.
26 Nachhaltig leben luftballon | April 2025