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22. Ausgabe | 25. November 2016 KIRCHEN ZEITUNG 9 auch Sven Hedin berichten. Über die vorchristlichen Handelswege, von China ausgehend, führte die Glockenstraße ins Land der Bibel und von dort nach Europa. �� Ab wann tritt denn die Glocke in die christliche Theologie ein? Die frühchristliche Kirche hat die Glocke vom Judentum übernommen. Der Hohepriester hatte am Rocksaum seines Gewandes Glöckchen, damit er im Heiligtum zu hören war und sein Volk aufmerksam wurde, lesen wir im 2. Buch Mose. Zwölf Glöckchen sollen es gewesen sein, und die Zwölf steht für die Verbindung zwischen Himmel und Erde. Die Zahl alles Weltlichen, die Vier, vervielfacht mit der Drei, der Zahl des Göttlichen, ergibt die Zwölf. Sie symbolisiert das, was wir uns nicht an den zehn Fingern unserer Hände abzählen können, das im wahrsten Sinne des Wortes Unbegreifliche. Wenn ich die frühen christlichen Schriftsteller richtig verstehe, sollen die Klänge der zwölf Glöckchen die Botschaft des Unbegreiflichen, die Botschaft von Leben, Sterben und Auferstehung Jesu verkünden. Dieser Botschaft gedenken wir bis in unsere Tage mit dem Läuten am Morgen, Mittag und Abend. �� Bestimmte Glocken waren den Menschen zu allen Zeiten besonders wertvoll. Nur ein Beispiel. Die Stadt Freiburg musste in den Jahren 1632/1633 einen Großteil ihres Vermögens aufwenden, die Münstergemeinde wertvolle Messkelche verkaufen, um ihre „Hosanna“-Glocke von den schwedischen Eroberern zurückzukaufen. Auch während und Kurt Kramer stammt aus Karlsruhe und hat Musik und Architektur studiert. Seit 1972 war er bis zu seiner Pensionierung vor acht Jahren im Erzbistum Freiburg als Glockensachverständiger für die mehr als 6000 Kirchenglocken des Bistums verantwortlich. Er ist einer der bekanntesten Glockenexperten Deutschlands und hat zahlreiche Bücher über das Musikinstrument geschrieben. �� Die Glocke ist das älteste Musikinstrument der Welt. Was weiß man über ihre Ursprünge? Die Anfänge der Glocke dürfen wir in China vor 5000 Jahren vermuten. Dort waren die Menschen – auch Konfuzius – der Überzeugung, dass alle Musik und der Klang der Glocke im Herzen der Menschen geboren werden, und alles, was das Herz bewegt und draußen als Ton erklingt, das beeinflusst wiederum die Seele. Hören ist wie das Anschlagen einer Glocke. Die Glocke befindet sich in meinem Körper in der Form meines Ohres. Die Glocke ändert ihren Klang durch die Stimmung des Hörenden, und im Widerhall lässt sich das Erz durch unsere Gefühle erweichen. Denn nur der Hörende kann den Glockenton zum „Leben“ erwecken. �� Also war sie stets ein treuer Begleiter der Menschen, selbst auf ihrer Wanderschaft? Die Glocke begleitete mit ihren vielfältigen Aufgaben die Menschen durch den Tag und bei Nacht, aber auch auf ihrer Wanderschaft durch fremde Länder. Am Halse der Pferde, Kamele und Elefanten sollten sie auf ihren Reisen Schutz und Signalinstrument für Reiter und Karawane sein, wie uns später Marco Polo und Sprachlosigkeit nie allein. Mit ihr verstummten die Menschen, mit ihren Klängen verschwanden Menschenrechte und die Menschenwürde aus den unterschiedlichsten Ländern und Kulturen, auch bei uns. �� Was sagt uns das regelmäßige Läuten der Glocken? Das Läuten der Glocken zu Gottesdienst und Gebet hatte zu allen Zeiten theologische und praktische Bedeutung. Das Läuten zum Gottesdienst war Ruf und sollte einen feierlichen Klangraum schaffen. Dem morgendlichen Läuten kam wohl die größte Bedeutung zu. Die Gläubigen gedachten der Auferstehung Jesu am Ostermorgen. Die Glocke mahnte, aus dem Erwachen eine ganz persönliche Auferstehung werden zu lassen. Das Läuten der Mittagsglocke war dem Gedenken an die Menschwerdung Jesu gewidmet, auch als Ruf zum Mittagessen. Das Abendläuten erinnerte an das Leiden und Sterben Jesu. Mit dieser Sinngebung fand die Glocke ihren Platz im Alltag der Menschen. Es wird Aufgabe der Kirchen sein, diese Gedanken zu aktualisieren und mit Leben zu erfüllen. nach der Französischen Revolution lesen wir immer wieder von gigantischen Summen, die zur Auslösung der Glocken und vor allem immer wieder der „Hosanna“ zu zahlen waren. Bei uns in Karlsruhe gibt es vergleichbare Beispiele nicht. Wir können dafür im Wettbewerb der schönsten Geläute Deutschland durchaus mithalten. �� Wie kam es, dass immer wieder Regierungen ihr Interesse an den Kirchenglocken geäußert haben? Kirchenglocken wurden für Kriegszwecke enteignet und eingesetzt, lange bevor ihre Bronze zum Guss für Kanonen „benötigt“ wurde. Am Anfang des 15. Jahrhunderts begann dann die tragische Wandlung der Künderin des Friedens, die – zur Kanone umgegossen – ihre todbringende Stimme auf den Schlachtfeldern Europas erklingen ließ. „Rekordhalter“ beim Vernichten von Glocken sind die Französischen Revolutionäre mit 100 000 und wir Deutsche. Wir haben im Ersten und Zweiten Weltkrieg innerhalb von 25 Jahren über 150 000 Glocken zerstört. Die Glocke war in ihrer Die Glocke im Wandel der Zeit Geschichte reicht 5000 Jahre zurück Ein feines Gespür für Glocken beweist Kurt Kramer, langjähriger Glockensachverständiger des Erzbistums Freiburg, etwa bei der musikalischen Glockenprüfung mit Stimmgabel. Foto: Privat


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