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22. Ausgabe | 25. November 2016 KIRCHEN ZEITUNG 5 Singen für singscheue Menschen Beim „Mittwochsgrüppchen“ der Lukasgemeinde kann sich jeder ausprobieren Wer in einem Chor singen möchte, muss eine gute Stimme haben, muss Noten lesen können und muss natürlich die Töne treffen – so die allgemeine Meinung. In der evangelischen Lukasgemeinde in der Weststadt gibt es seit einiger Zeit aber nun ein Projekt für Menschen, die gerne singen, aber das Gefühl haben, dass sie es nicht wirklich gut können. „Vielen Menschen wurde in der Schulzeit eingetrichtert, dass sie nicht singen können, und das hat sich oft bis ins Erwachsenenleben hinein gehalten“, sagt Susanne Storz. Sie ist Gesangspädagogin und Feldenkrais-Lehrerin und hat das „Mittwochsgrüppchen“, wie sich die Sangesfreudigen nennen, ins Leben gerufen. „Als nebenamtliche Kirchenmusikerin habe ich oft gehört, dass jemand zwar gerne singen würde, sich aber nicht traue“, erklärt sie ihr Engagement. Diese Menschen Singen immer eine Fünf“, sagt er. „Das hat bei mir schon ein kleines Trauma ausgelöst.“ Da ihm das Singen aber dennoch Spaß macht, trifft er sich nun alle 14 Tage mit Gleichgesinnten und genießt das gemeinsame Singen, denn „es ist total stressfrei, und niemand schaut einen schief an, wenn man mal tatsächlich den Ton nicht trifft“. me Charme dieses Grüppchens liegt in der Freiheit und in einer gewissen Absichtslosigkeit“, meint sie. Aus diesem Grund lege man auch Wert darauf, kein Chor zu sein. Was aber nicht heiße, dass man sich nicht nach und nach doch ein gewisses Repertoire erarbeite, so Storz. Claus ist einer, der regelmäßig mit dabei ist: „In der Schule hatte ich im habe man durch den Stempel „Unmusikalisch“ regelrecht zum Schweigen verurteilt. Dabei sei die Stimme doch eine wichtige Möglichkeit, um seine Persönlichkeit auszudrücken, ist Storz überzeugt. „’Unmusikalisch’ ist ein ganz schrecklicher Begriff“, findet sie. Damit programmiere man die Menschen und suggeriere ihnen, sie hätten keine Begabung. „In unserer Gruppe können sich alle ohne Scheu ausprobieren und endlich in der Gemeinschaft singen“, erklärt die Gesangspädagogin. „Durch diese entspannte Atmosphäre wird es dann auch leichter, die Töne tatsächlich zu treffen.“ Gesungen werden in der Regel rhythmische Gesänge, Kanons und auch mal afrikanische Lieder – alles querbeet. Bei den regelmäßigen Treffen im Saal der Lukasgemeinde sind immer etwa zehn Teilnehmer dabei. „Der Ein Chor, der kein Chor ist: Im Saal der Lukasgemeinde schart Susanne Storz (Mitte) regelmäßig Menschen um sich, die gerne singen, aber meinen, dass sie es nicht wirklich gut können. Foto: me Musiklehrerin aus Leidenschaft Birgit Hannig-Waag dirigiert einen Schulchor Wenn sie vom Singen erzählt, dann fängt sie ganz von selbst zu lächeln an. Birgit Hannig-Waag ist Musiklehrerin aus Leidenschaft. „Singen macht Spaß!“, sagt sie und strahlt dabei. An ihrer Schule dirigiert sie einen Schulchor mit 150 Schülerinnen und Schülern. „Musik ist sehr wichtig für die Schüler,“ erklärt sie, „denn sie hat unheimlich viele positive Wirkungen auf die Kinder.“ Das gemeinsame Singen fördert die Sprachentwicklung, entspannt die Sänger und stärkt das Sozialverhalten. „Der Schulchor tut den Kindern einfach gut“, sagt sie. Ganz besonders hilft er denen, die unruhig sind und sich nur schwer an soziale Regeln halten können. Sie haben in der Musik eine Ausdrucksmöglichkeit und zugleich im Chor einen sozialen Rahmen, in den sie sich einzufügen lernen. Aus ihren Fortschritten können sie neues Selbstvertrauen schöpfen. Kinder singen anders als Erwachsene. „Sie sind ganz frei und unbefangen,“ erzählt sie. „Viele Kinder lieben es, alleine vorzusingen und zu zeigen, was sie können.“ Auftritte sind ein großes Erlebnis. Sie haben geprobt und sich vorbereitet, und schließlich bekommen sie den verdienten Applaus. Die Teilnahme an Wettbewerben gibt den Kindern einerseits ein Erfolgserlebnis, wenn sie eine gute Platzierung erreichen. Andererseits lernen sie, damit umzugehen, wenn es einmal nicht so gut läuft. Neben dem Schulchor dirigiert sie auch einen Chor für Erwachsene. Manchmal treten beide Chöre gemeinsam auf, was für die Kinder ausgesprochen spannend ist. „Die Kinder Ist von der positiven Wirkung der Musik überzeugt: Birgit Hannig- Waag. Foto: tt genießen das,“ sagt sie. Sie schauen zu Erwachsenen hinauf und nehmen sie sich zum Vorbild: „Der vierstimmige Gesang eines Erwachsenenchors klingt schon gut. Das können die Kinder noch nicht, aber für manche ist es ein Ansporn, sich anzustrengen, um einmal genauso schön singen zu können.“ Was das Singen im Chor von anderen Arten zu musizieren unterscheide, sagt sie, sei vor allem eines: „Jeder kann mitmachen. Niemand braucht eine besondere Begabung, denn singen können eigentlich alle. Und es ist egal, ob die Eltern das nötige Geld haben, um ein teures Instrument zu kaufen und die Übungsstunden zu bezahlen. Denn beim Singen tragen wir das Instrument immer mit uns.“ tt Vier bis fünf Sänger, sechs Musiker und einige hundert Gottesdienstbesucher, die begeistert aufstehen, Lobpreislieder singen und dazu klatschen, das gehört fest zu dem, was Menschen bei den Gottesdiensten im ICF-Karlsruhe erleben. „Die Musik hat bei uns einen hohen Stellenwert, und ein Musik-Block dauert 20 bis 25 Minuten, genauso lang wie meine Predigt“, erklärt Steffen Beck, leitender Pastor beim International Christian Fellowship (ICF) Karlsruhe. In seiner Gemeinde würden Lobpreislieder gesungen, die in Freikirchen beliebt sind, zum „Main-Stream“ gehören, so Beck. „In den Liedern wird Jesus und Gott mit „Du“, also in der zweiten Person, angesprochen“, sagt der 50-Jährige. Diese persönliche Ansprache, wie zum Beispiel beim Lied „Du machst alles neu“, habe eine große Bedeutung für die Gläubigen. „Die Inhalte der Texte sind Bibel-Zitate und Psalmen“. Die Verse würden immer und immer wieder gesungen und wiederholt. „Das geht stärker ins Herz“, sagt Beck. Musik sei eine gute Möglichkeit, seine Emotionen und Gefühle auszudrücken, und bevor die Predigt im Gottesdienst mit dem „Amen“ ende, unterstreiche instrumentale Musik noch diesen Schluss, in der Regel mit einem Auszug aus einem Lobpreislied. „Und auch der Zuspruch in der Predigt wird mit instrumentaler Musik verbunden, Keyboardmusik ist zu hören“, so Steffen Beck weiter. „Bei uns ist alles stärker auf die Seele und das Herz angelegt“, erklärt er. Und dies schätzten die rund 1 500 Menschen, die an den Wochenenden die Gottesdienste der Freikirche besuchen. „Die Musik ist einer der Gründe, warum Menschen zu uns kommen, und der Inhalt der Predigt.“ Das Gemeindeleben des ICF-Karlsruhe findet nicht im Kirchengebäude statt, sondern in einer Industriehalle in Grünwinkel. „Am Sonntagmorgen um 8.00 Uhr machen wir den ersten Sound- und Lichtcheck, und die Band probt. Da geht es laut zu, und es ist gut, dass wir hier im Industriegebiet sind“, lacht Beck. Um 9.30, 11.15 und 18.30 Uhr werden dann gemeinsam Gottesdienste gefeiert, zu denen Familien, Erwachsene und junge Erwachsene kommen. „Die Menschen lieben Lobpreislieder, und sie helfen dabei, das Herz aufzuschließen“, fasst Steffen Beck zusammen. cm Emotionen und Gefühle Lobpreislieder gehen ins Herz Steffen Beck ist Pastor der ICF-Gemeinde Karlsruhe. Foto: ICF-Karlsruhe


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