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EINE TAUSCHBÖRSE FÜR DIE KLEINEN UND GROSSEN DINGE thangs: Gewinner beim Wettbewerb „Share Economy – Impulsgeber des digitalen Wandels“ Aus Studienfreunden wurden Gründer der Leihplattform „thangs“: Samuel Nau (links), Sammy Schuckert (Mitte) und David Paul (rechts). Foto: thangs UND IN ZWEI JAHREN? PEER-TO-PEER – DIE WIEGE DES INTERNETS genutzt werden, der Datenverkehr flexibler aufgeteilt werden. Die Idee: Ein dezentrales P2P-Netz, das große Datenmengen aufteilen konnte. Das Advanced Research Projects Agency Network (ARPANET) war geboren. Vier Forschungseinrichtungen machten damals den Anfang. UND IN ZWEI JAHREN? gene Auto in Deutschland etabliert haben.“ Katina Schneider, Mitgründerin von Match Rider „In zwei Jahren wird Match Rider Fahrgemeinschaften für Kurzstrecken als attraktive und flexible Alternative für das ei- Verkauf von privat zu privat: Plattformen wie eBay haben das Peer-to-Peer-Konzept in die Öffentlichkeit getragen. Das Prinzip funktioniert, auch dank der Möglichkeit, recht einfach die Nutzerzahlen zu erhöhen. Foto: highwaystarz/Fotolia.de VON DEN ANFÄNGEN DES NETZES IN DIE ZUKUNFT Die direkte Kommunikation bei Peer-to-Peer zwischen den Nutzern bringt den Vorteil Seit es die Onlinewelt gibt, gibt es Peer to Peer (P2P). Ja, bereits davor war es das Konzept, das als Blaupause dem Internet zugrunde liegt. „In den Genen des Internets selbst ist es verwurzelt“, sagt Dr. Timm Teubner vom Institut für Informationswirtschaft und Marketing am Karlsruher KIT. Das Arpanet (siehe auch Kasten auf dieser Seite), Vorläufer des Netzes, wie es heute den Globus umspannt, setzt auf ein Prinzip, das durch seine Einfachheit besticht: Die Anwender selbst sind direkt miteinander verbunden, tauschen Daten aus. Dezentralität ist die Stärke. Auf dem shareBW-Kongress wird auch Dr. Teubner sprechen. Wo steht P2P heute, welchen Nutzen schafft ein Konzept, das schon seit Jahrzehnten im Einsatz ist? WACHSTUMSPOTENZIAL ALS GROSSE STÄRKE „Anbieter und Abnehmer sind beim P2P-Konzept in der Regel privat“, so Teubner. Da zwischen den beiden Teilnehmern eine Internet- Plattform steht, die lediglich vermittelt, ist eine schnelle Zunahme der Teilnehmerzahlen möglich, ohne dass der Betreiber im gleichen Maße mitwachsen muss. Es ist eine der Stärken. Teubner veranschaulicht das: „eBay war einer der ersten und auch der populärste Anbieter dieser Art. Die Nutzer treten direkt miteinander in Verbindung - mit eBay lediglich als Vermittlungsplattform.“ Nur die Verwaltung der Schnittstelle selber, in diesem Fall die Internetseite, ist für eine erfolgreiche Vermittlung nötig. Auch bei Napster, jenem Programm, das zu Beginn des neuen Jahrtausends zweifelhaften Ruhm vor allem durch das illegale Tauschen urheberrechtlich geschützter MP3-Dateien erlangte, lag das P2P-Konzept zugrunde. Nicht einmal zwei Jahre war das Netzwerk online – am Ende hatte es 80 Millionen Nutzer. Dieser Vergangenheit zum Trotz: P2P-Netzwerke sind bereits schon länger ganz legal im Einsatz, um große Datenmengen unter den Nutzern zu verteilen. So nutzen Softwarehersteller das Prinzip, um umfangreiche Update-Pakete ausfallsicher an ihre Anwender zu verteilen. Nicht das Unternehmen hält das Datenpaket vorrätig, es wird vielmehr aus dem großen Netzwerk der User in kleineren Stücken auf den eigenen PC herunter geladen. Windows 10-Updates dürften das derzeit prominenteste Beispiel sein. „Künftig werden wir auch mehr Unternehmen sehen, die intern P2P-Netzwerke einrichten“, prognostiziert Teubner. So ließen sich beispielsweise Fahrgemeinschaften oder Freizeitaktivitäten koordinieren. „Das Unternehmen stellt die Plattform bereit, die Inhalte werden von den Mitarbeitern getragen.“ kel Das Prinzip P2P: Die Nutzer stehen in direktem Kontakt. Grafik: reborn55/Fotolia.de Eines Tages fällt dir auf, dass du 99 Prozent nicht brauchst … Du siehst dich um in deiner Wohnung, siehst ein Kabinett aus Sinnlosigkeiten. Siehst das Ergebnis von Kaufen und Kaufen von Dingen, von denen man denkt, man würde sie irgendwann brauchen.“ – Die Band Silbermond hat mit dem Song „leichtes Gepäck“ aus dem Jahr 2015 ihr Ohr am Puls der Zeit. Und der Songtext zeigt eines: Das Teilen oder zumindest das Nachdenken über das mögliche Teilen von Dingen liegt gegenwärtig im Trend. Die in den 80er und 90er-Jahren geborenen und mit dem Internet aufgewachsenen Digital Natives, auch gerne Generation Y genannt, legen immer weniger Wert auf Besitz. Es geht den jungen Menschen vielmehr darum, lediglich Zugriff auf Dinge des Alltags zu haben, genau dann, wenn man sie braucht. „Ziel ist es, die Ressourcen effektiver zu nutzen und besser zu verteilen“, erläutert Sammy Schuckert, einer der Gründer des Share Economy- Start-ups „thangs“, das mit einer App die Jury des shareBW-Wettbewerbs überzeugte. „Unsere Generation achtet verstärkt darauf, wenig zu verschwenden.“ Dieses Phänomen untersuchten Sammy sowie seine beiden Kommilitonen Samuel Nau und David Paul im Zuge einer gemeinsamen Bachelorarbeit an der Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd. Die Drei entdeckten eines: Die bestehenden Sharing-Plattformen für Alltagsund Haushaltsgegenstände sind unpraktisch. Der Nehmer muss sich durch viele Angebote klicken, der Geber all seine Gegenstände fotografieren. Das geht einfacher, dachten sich die drei Studierenden und entwickelten im Zuge der Bachelorarbeit eine App, die dieses Prinzip umkehrt und stellten gleich einen Businessplan für ein Start-up auf. „Wir konzentrieren uns auf das freie Anfragen nach Dingen ausschließlich bei wirklichen Freunden und Bekannten, die man persönlich kennt“, erklärt Mitgründer Sammy Schuckert das Prinzip der App. Und dies geschieht unter Zuhilfenahme des im Smartphone integrierten persönlichen Telefonbuches. „Vertrauen spielt dabei die zentrale Rolle und unterscheidet uns von ähnlichen Anbietern. Das geht schnell und ist einfach.“ Eine Leihliste sorgt für eine exakte Kontrolle über „Wir gründeten mit dem Preisgeld sofort eine GmbH und erweiterten unser Team auf jetzt sieben Mitarbeiter. Damit können wir alle Aufgaben von der Entwicklung bis zum in diesen Wochen angelaufenen Marketing intern erledigen.“ Auf eines legt Sammy Schuckert großen Wert: „Unser gesamtes Team hat sich vorgenommen, beim Privatverleih zunächst kein Geld zu nehmen.“ In einem späteren Ausbauschritt von „thangs“ sollen dann Geschäfte integriert werden, die bereits Gegenstände verleihen, wie etwa Baumärkte, Sportgeschäfte oder Getränkemärkte. Diese sollen dann die Basis der Finanzierung bilden. DIE APP www.thangsapp.com Die App in den Appstores: w.thangsapp.com/thangs-ios w.thangsapp.com/thangs-android oef entliehene und verliehene Gegenstände. Lange dachten die drei Studienfreunde über einen prägnanten Namen für die App nach, die es mittlerweile für Android und iOS gibt. Sie einigten sich auf das kongenial prägnante amerikanische Slangwort „thangs“ für Dinge. „Da steckt things drin, aber auch thanks für Danke“, freut sich Sammy Schuckert über das originelle Ergebnis intensiven Brainstormings. Selbstbewusst genug, beteiligten sich die drei Studierenden, aus denen bald Gründer werden sollten, am shareBW-Wettbewerb des Landesministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst. Ihr Mut, ihre Originalität und das Durchhaltevermögen wurden belohnt. Die Jury kürte „thangs“ zu einem der fünf Siegerteams. „Wir waren von den Socken“, schildert der heutige Geschäftsführer Sammy Schuckert die Stimmung nach der Bekanntgabe. cher Art zwischen Privatpersonen sein.“ Sammy Schuckert, Mitbegründer von „thangs“ „,thangs’“ wird die erste richtig gut funktionierende Plattform für das Verleihen und Entleihen von Gegenständen jegli- DIE MITFAHRZENTRALE TRIFFT AUF DEN BERUFSVERKEHR Match Rider: Gewinner beim Wettbewerb „Share Economy – Impulsgeber des digitalen Wandels“ Das Prinzip ist ganz einfach: Ich besitze ein Auto, fahre alleine und biete eine Mitfahrgelegenheit an. Oder: Ich besitze kein Auto und suche eine Mitfahrgelegenheit von A nach B. Der Rest ist eine Frage der Vermittlung. Was auf mittleren und langen Strecken dank verschiedener Mitfahrportale im Internet seit langem zumeist gut funktioniert, lässt sich doch sicher auch auf Kurz- oder Berufs-Pendelstrecken übertragen. Dachten sich die Macher des Heidelberger Start-ups MatchRider. Für ihren intensiven Einsatz für das umweltschonende Mitfahren auf kurzer Strecke stehen auch sie auf dem Siegertreppchen des landesweiten Wettbewerbs von shareBW. Was sich einfach anhört, ist allerdings eine harte Logistiknuss, die es zu knacken gilt. Der Anspruch des dreiköpfigen Gründerteams: „Die Mitfahrgelegenheit für jeden Tag soll so transparent, unkompliziert und komfortabel wie nur irgend möglich sein“, so Katina Schneider, zuständig für Business Development und das Marketing. „Wir sehen uns als ergänzende Alternative zum ÖPNV.“ REGELMÄSSIGE FAHRTEN WIE BEI BUS UND BAHN Das fahrerorientierte Konzept von Match Rider basiert auf dynamischen Treffpunkten, den sogenannten von Match Rider ausgewählten Match Points. Sie funktionieren wie eine Haltestelle. Mitfahrer kommen zu einem gewählten Match Point auf der Route des Fahrers und werden von ihm dort aufgenommen. „Diskussionen über Treffpunkte, Abfahrzeiten und Preis gehören der Vergangenheit an“, verspricht Katina Schneider. Ziel ist, dass wie bei Bus oder Bahn alle zehn Minuten ein mitnehmender Pkw vorbeikommt. „Und das sicher und gewiss“, sagt Katina Schneider. Der Fahrer erhält von Match Rider garantierte zehn Cent pro gefahrenen Kilometer auf seiner regelmäßig befahrenen Strecke, egal ob jemand mitfährt oder nicht. Der Mitfahrer zahlt für jeden Kilometer 15 Cent. Der Vorteil von Fahrgemeinschaften: Sie verringern den CO2-Ausstoß, reduzieren Staus, sparen Geld und sind eine schöne Gelegenheit, neue Leute kennenzulernen. Mit Hilfe des Preisgeldes aus dem Wettbewerb und mit wissenschaftlicher Unterstützung des Lehrstuhls für Wirtschaftsinformatik der Universität Stuttgart hat das heute achtköpfige Team von Match Rider vor wenigen Wochen unter dem Namen MatchRiderGO eine kostenlose App für Android und IOS in den beiden Stores veröffentlicht. Seit Anfang Juni wird das Konzept auf der B 27 zwischen Tübingen und Stuttgart in Zusammenarbeit mit der Universität Stuttgart getestet. Begonnen wurde mit acht registrierten Fahrern. Die garantieren während eines jeweilen zweistündigen Morgen- und Abendturnusses in den Stoßzeiten für einen Zehnminutentakt. „Jede Woche fügen wir neue Fahrer hinzu“, versichert Katina Schneider. GESPRÄCHE MIT UNTERNEHMEN UND DER EU „Match Rider wächst und schafft so mehr und mehr ein immer größeres Angebot. Wir wollen mit dieser Teststrecke beweisen, dass unser Konzept funktioniert“, formuliert die Entwicklerin die Zielsetzung. Und dazu gehören auch viele Gespräche mit Unternehmen, Stadtverwaltungen, Verkehrsämtern, aber auch mit der EU. Als zweite feste Strecke ist bereits Pforzheim – Stuttgart ins Auge gefasst. DIE APP www.matchridergo.de oef Amerikanische Innovation und deutsche Effizienz kennzeichnet das Heidelberger Unternehmen Match Rider, das das Mitfahren auf Kurzstrecken vereinfachen will. Gründer sind die Amerikaner Alfred Swartzbaugh (re.) und Katina Schneider (mi.) sowie der Deutsche Frank Anders (li.). Foto: Match Rider Als sich ab 1968 verschiedene Forschungseinrichtungen des amerikanischen Militärs miteinander vernetzten, galt in Zeiten langsamer Hardware vor allem eine Bedingung: Die knappen Rechnerkapazitäten sollten besser 1983 waren bereits 400 Rechner verbunden – mit dem Zusammenschluss anderer, in der Zwischenzeit entstandener Netzwerke, nahm das Internet Fahrt auf. 1987 waren so bereits gut 27 000 Rechner vernetzt. kel


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